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Das Wort zum Montag: Wissenschaftliche Betrachtungen
von Andreas "Zeromant" Pischner
24.11.2008

Kennt Ihr diesen Spruch: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“? Ich finde ihn absolut brilliant – ich habe eine Vorliebe für gute (und auch weniger gute) Wortspiele, und dieses hier passt einfach perfekt.

Leidenschaft schafft Leiden – kaum zu glauben, dass die Endung „schaft“ nicht viel mit dem Verb „schaffen“ zu tun hat, oder? Über Leidenschaft will ich aber heute nicht schreiben (obwohl man Magic-Spielen gewiss auch als Leidenschaft bezeichnen könnte), sondern über Wissenschaft.

Auch hier ist die sprachliche Wurzel natürlich eine andere, aber trotzdem passt es: Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Wissen zu schaffen! Zu diesem Zweck haben sich verschiedene so genannte „wissenschaftliche“ Arbeitsweisen herausgebildet. Wahrscheinlich habt Ihr das in der Schule kurz behandelt – wie man wissenschaftlich korrekt zitiert und Quellenangaben auflistet und so.

Das war furchtbar trocken, oder? Bestimmt! Was diese Methoden mit Verdacht auf analer Fixierung jedoch eigentlich bewirken sollen, ist etwas höchst Sinn- und Wertvolles, nämlich die ÜBERPRÜFBARKEIT von Aussagen. Darauf beruht alles wissenschaftliche Arbeiten: Dass man aufgestellte Behauptungen nicht etwa einfach glaubt, sondern überprüft – und gegebenenfalls anzweifelt! Tatsächlich ist es eben dieser wissenschaftliche Diskurs (ein hübsches Wort für Streitigkeiten zwischen Intellektuellen, nicht wahr?), welcher wirklich Wissen SCHAFFT. Wenn jemand etwas sagt, was niemand anzweifelt, dann ist es aller Wahrscheinlichkeit nach trivial gewesen. (Okay, mathematische Beweise sind hiervon vermutlich größtenteils ausgenommen – das Faszinierende an der Mathematik ist doch, dass man hier meistens tatsächlich zweifelsfrei feststellen kann, wer Recht hat!) Welche wissenschaftliche Erkenntnis auch immer Euch einfällt, selbst wenn sie Euch äußerst banal erscheint – geht davon aus, dass sie zuerst heftigst angezweifelt wurde! (Nein, die Sonne dreht sich nicht um die Erde. Doch, Flugzeuge aus Metall können fliegen. Ach ja, und die Welt hat wohl tatsächlich Bedarf für mehr als ein halbes Dutzend Computer...)

Wissen kann nur im Diskurs geschaffen werden. Wie aber ist es mit dem Vermitteln von Wissen? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, und sie stellen die Frage, welches Ziel erreicht werden soll. Soll Wissen bloß reproduziert werden können, also ohne tieferes Verständnis widergegeben? Manchmal genügt es, Schritt-für-Schritt-Anleitungen auswendig zu lernen. Soll der Lernende aber in die Lage versetzt werden, sich selbständig Wissen anzueigen und so zur Schaffung des Wissens beizutragen? In diesem Fall genügt bloße Reproduktion nicht – VERSTÄNDNIS wird verlangt! Und solches Verständnis entsteht nur im Diskurs, in der argumentativen Auseinandersetzung.

„Spiele Dein Removal immer zum spätestmöglichen Zeitpunkt.“ Das ist ein Ratschlag, wie er Anfängern gewiss oft gegeben wird, und natürlich hilft er ihnen erst einmal, erfolgreicher zu spielen. Wenn sie ihn allerdings blind befolgen, anstatt seine Bedeutung zu reflektieren, dann führt das dazu, dass sie gegen das grüne Aggrodeck mit seinen Riesenwuchseffekten ins offene Messer laufen, weil sie ihren Burn in der gegnerischen Runde spielen! Natürlich kann man hier eine weitere einfach zu merkende Regel aufstellen, um diese Situation abzudecken – aber dann gibt es wieder eine neue Situation, die eine weitere Regel erfordert, und wenn man alle möglichen Fälle abdecken will, dann entsteht ein Wust von Merkregeln, der undurchschaubar zu werden droht – der aber größtenteils überflüssig wird, wenn man stattdessen einfach VERSTEHT, welche Optionen man mit Removal hat, und in welche Situationen man damit geraten kann.

Letztlich geht es darum, auf welchem Niveau Wissen erworben werden soll. Wer damit zufrieden ist, in 80-90% der Fälle sein Removal optimal einzusetzen, der ist mit der einfachen Merkregel gut bedient. Wer jedoch seine Möglichkeiten voll ausschöpfen will, der muss VERSTEHEN.

Ich nehme an, Ihr habt unterdessen gemerkt, worauf ich hinauswill: Magic-Strategie findet in unserer Community in letzter Zeit beinahe ausschließlich auf dem Niveau der Reproduktion statt! Da entblödet sich ein Kommentator nicht, in einem Thread zu Thrashs Limited-Artikel zu schreiben, dass er nicht daran interessiert ist, dessen Gedankengänge nachzuvollziehen, sondern einfach nur simple Rezepte will, wie er seine Drafts erfolgreicher gestalten kann – und man kann die schweigende Zustimmung der Masse mit ein wenig Fantasie geradezu hören!

Ich habe ja bereits eine Reihe verfasst, wie verschiedene Magic-Artikeltypen aufgebaut sein sollten, aber hier möchte ich noch einmal tiefer ins Detail gehen, am Beispiel von Artikeln zur Draftstrategie (und hier wiederum mit Bezug auf das Alara-Format). Ich will es einmal ganz deutlich sagen: Das im deutschen Netz zu findende Wissen hierzu ist von erschreckend geringem Umfang! Das ist nicht zuletzt auch die Schuld der Artikelschreiber, welche diese wiederum mit einer gewissen Berechtigung auf die Leser abwälzen können, die sich ja mit simplen Rezepten zufrieden geben. (Also auf Euch!)

In unserer Community wird zu wenig Wissen geschaffen, weil zu wenig (und vor allem auch auf zu niedrigem Niveau) diskutiert wird. Allerdings sind viele Artikel auch nicht dazu geeignet, solche Diskussionen auszulösen, und so manche Autoren sehen es geradezu als persönliche Beleidigung an, wenn man ihre Erkenntnisse in Zweifel zieht! Dabei ist es gerade ein (notwendiges, nicht hinreichendes) Merkmal eines gelungenen Strategieartikels, dass er Diskussionen auslöst! Wie auch in der Wissenschaft gilt: Ein Artikel, der ausschließlich Zustimmung findet, war letztlich wohl nicht allzu bedeutend. (ÜBERFLÜSSIG wäre ein zu hartes Wort, da auch Aufbereitungen und Zusammenfassungen von bestehendem Wissen einen Wert besitzen.)

Dabei existiert in der Magic-Community eine zusätzliche Hürde (die gibt es in der Wissenschaft vielleicht auch – keine Ahnung – aber gewiss nicht dermaßen penetrant), nämlich der übertriebene Respekt von Autoritäten! Einem TrashT, einem Phips, einem Thomas (Charly) Preyer widerspricht man nicht, wenn man nicht selbst eine zweistellige Anzahl Pro Tour Punkte besitzt (oder wenn man halt ich ist – obwohl das erste Kriterium zufällig auch auf mich zutrifft).

Dabei ist das völlig unsinnig! Ist Euch nie aufgefallen, wie fundamental unterschiedlich teilweise Standpunkte auch der weltbesten Spieler ausfallen? Ganz offensichtlich KÖNNEN diese sich irren und tun es auch. Warum darf man sie dann nicht kritisieren?

Die Antwort lautet, dass die Community Druck ausübt. Wann immer jemand gefühlt „nach oben“ kritisiert, muss er damit rechnen, dass ihm direkt oder indirekt unter die Nase gerieben wird, dass er ja kein so guter Spieler ist und daher eh keine Ahnung haben könne! Deswegen halten viele lieber die Klappe.

Das ist eine Sache, die sich ändern muss! Eine andere ist, dass Autoren lernen müssen zu akzeptieren, dass eine kontroverse Diskussion zu ihren Standpunkten tendenziell eher ein Qualitätsmerkmal ist. Alle Menschen machen Fehler, auch wenn gute Spieler tendenziell weniger machen als weniger gute. Es ist also albern, sich ein Gefühl der Unfehlbarkeit bewahren zu wollen.

Die besten Spieler machen Fehler, auch in ihren Artikeln. Was nun aber die guten Artikel darunter von den schlechteren unterscheidet ist die Möglichkeit für den Leser, diese Fehler aufzuzeigen! Ein guter Autor macht die Wege, auf denen er zu seinen Erkenntnissen gelangt ist, nachvollziehbar – NACHPRÜFBAR. Er formuliert seine Standpunkte klar genug, dass man erkennen kann, was seine Ansichten sind (anstatt sich mit gummiarteigen Wischiwaschi-Aussagen nach allen Richtungen absichern zu wollen), und er gibt eine detaillierte Argumentation, wie er zu ihnen gelangt ist – und der man WIDERSPRECHEN KANN. Das ist das Entscheidende!

Wisst Ihr, was der Hauptkritikpunkt ist, den ich in den letzten Wochen zu Limited-Artikeln gelesen habe? „Deine Kartenbewertungen sind ja irgendwie nicht so ganz korrekt.“ Bei Charly, Phips oder Trash trauen sich nur wenige, das zu sagen, aber schon bei Spielern, die sich durchaus nicht mehr auf Noob-Niveau befinden, wie zum Beispiel Kenshin oder Ashraf, liest man so etwas gehäuft.
„Ich habe dieses Format ja schon ein Dutzend Mal gedraftet“ – ja und?

Aber bringt das die Diskussion voran? NEIN. Da stellt sich einer hin und sagt: „Karte X ist gut.“ Und ein anderer erwidert: „Nein, Karte X ist schlecht.“ Und niemand hat wirklich etwas gelernt – außer, dass es eben offensichtlich keinen Konsens gibt! Wo soll dieser Konsens aber auch herkommen, wenn keine ausführliche Diskussion geführt wird? Nur zu häufig liest man als „Argument“: „Ich habe dieses Format ja schon ein Dutzend Mal gedraftet“ – ja und? Christopher Eucken hat bereits 336 Limited-Events hinter sich. Würdet Ihr Euch von ihm irgendetwas übers Draften erzählen lassen (außer, falls es Euch interessiert, WIE ZUR HÖLLE man ein dreistelliges DCI-Rating hinbekommen kann)? Die Pro Tour ist voll mit Geschichten von Spielern, die nach minimaler Vorbereitung spektakuläre Erfolge erzielt haben – ein schlagender Beweis dafür, dass Verständnis und Praxis nicht zwingend in enger Korrelation miteinander stehen. Wieso glauben dann die Leute nur, dass die bloße MENGE ihrer absolvierten Drafts sie zu Experten machen könnte?

Wisst Ihr, Alara ist jetzt (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels hier) knapp sieben Wochen im Handel. In dieser Zeit habe ich, teilweise zeitlich dicht aufeinanderfolgend oder sogar gleichzeitig, eine unglaubliche Vielzahl von Einschätzungen zu diesem Limited-Format gelesen, die sich ständig widersprechen (und die nichtsdestotrotz für gewöhnlich als allseits bekannter Konsens präsentiert wurden, den nur Ahnungslose nicht akzeptieren würden).

Ich glaube nicht einer einzigen davon, und wisst Ihr warum? Weil die Grundlagen für solche Einschätzungen fehlen! Da wird das Metagame in Archetypen aufgeteilt, da werden Matchupanalysen zwischen Shards präsentiert – aber wo waren die Schritte, die zu diesen hingeführt haben? Wo sind diese Behauptungen NACHPRÜFBAR? „Ich habe Dutzende Drafts auf MOL gemacht„.... jajaja, blablabla. Wenn wenigstens der Großteil der auf diese Art und Weise aufgestellten Behauptungen miteinander kompatibel wären! Das ist aber nicht der Fall. Jede einzelne Shard wurde bereits sowohl für dominant als auch für praktisch undraftbar erklärt. Zweifarbige Decks mit einem Schwerpunkt auf 2-Drops, sowie fünffarbige Decks, die nur aus Cyclern, Obelisken und Removal bestehen, wurden beide bereits als die Endlösung des Formats präsentiert.

Leute, Ihr habt ALLE keine Ahnung! ALLE!

UND ICH AUCH NICHT!

Für eine dermaßen umfassende Analyse des Formats ist einfach noch nicht annähernd genug Wissen vorhanden! Bleibt mir mit Euren Archetypen und Matchupanalysen bloß vom Leib – legt bitteschön erst einmal überzeugend dar, wie man verschiedene Strategien draften kann und werdet Euch zumindest im Großen und Ganzen in Euren Kartenbewertungen einig, bevor Ihr mir erzählt, welche Strategien dominant sind!

Dabei ist dieses ganze Gesülze, á la „Esper schlägt Naya, Jund schlägt Bant, und Grixis ist undraftbar“ oder was gerade wieder jemand von sich gibt, letztlich sowieso kaum relevant. Ich verrate Euch einmal etwas: Limited ist kein Constructed! Und wisst Ihr, was das bedeutet?

...nein, es bedeutet NICHT, dass es keine Draftmetagames gäbe. Die gibt es durchaus!

DIE. Habt Ihr den Plural bemerkt? Die simple Wahrheit ist, dass jeder Drafttisch sein eigenes Metagame hat! Eine Aussage wie „Naya kann man nicht draften, das verliert gegen Esper“ ist deswegen völliger Unsinn, denn ob ein Naya-Deck ein Esper-Deck schlägt, hängt – abgesehen von den offensichtlichen Faktoren Skill der Spieler und Zufall – davon ab, wie die Karten in genau diesen konkret gedrafteten Boostern verteilt waren, sowie, wie die Spieler darauf reagiert haben. Wenn in diesen Boostern Wild Nacatl, Knight of the Skyward Eye und Sigil Blessing eine Party feiern, dann ist Naya in DIESEM Draftmetagame vermutlich stark. Wenn es viele Executioner's Capsule und Sanctum Gargoyle gibt, dann ist Esper wohl stark. Wenn aber andererseits Esper von ein oder zwei Spielern mehr gedraftet wird, als die Booster hergeben, und Naya entsprechend von weniger, dann werden die Naya-Spieler mit den Esper-Magiern den Boden aufwischen!

Draft ist KOMPLIZIERT. Draftstrategie ist ANSPRUCHSVOLL. Jeder einzelne Booster, den man zu Gesicht bekommt, kann die Ausgangssituation völlig verändern. Jede Aussage dazu, ob man Naya oder Esper oder was auch immer draften sollte, muss sich in erster Linie auf die konkret in den Boostern befindlichen Karten stützen – nicht auf illusorische Draftmetagames, deren Existenz man annnimmt, sondern auf das tatsächlich in diesem Augenblick aus diesen Boostern entstehende Draftmetagame.

Ich mache keine Dutzende Drafts auf Magic Online, aber ich verfolge aufmerksam alle Informationen zum Alara-Draft, die ich im deutschsprachigen Netz und auf dailymtg.com finde, und ich verarbeite diese Informationen. Dabei stelle ich fest, dass es zumindest in den dokumentierten RL-Events KEINE klar dominanten Shards gibt – Naya, Esper, Jund etc... alles kann gut sein und gewinnen! (Das ist eigentlich auch der Erwartungswert.) Weiterhin lese ich alle Artikel zu diesem Thema und stelle fest, dass alle Autoren zu unterschiedlichen Schlüssen kommen, je nachdem, welche Erfahrungen sie gemacht haben.
Es GIBT kein allgemein gültiges Draftmetagame – man muss sich jeden einzelnen Draft neu erarbeiten!

Die Erkenntnis ist ebendiese: Es GIBT kein allgemein gültiges Draftmetagame – es gibt viele einzelne unterschiedliche Draftmetagames, in denen jeweils unterschiedliche Bedingungen vorherrschen. Man muss sich jeden einzelnen Draft neu erarbeiten, gestützt auf ein generelles Verständnis der in diesem Environment vorhandenen Karten und damit möglichen Decks, und unter Berücksichtigung derjenigen Karten, die man tatsächlich zu sehen bekommt.

Wie gesagt, das ist verdammt kompliziert, und deswegen kneifen selbst wirklich gute Spieler hier den Schwanz ein! Trash zum Beispiel reduziert jedes Draftformat auf eine Auswahl von Archetypen, die sich dann mehr oder weniger nach Rezept draften lassen. Dass diese Archetypen in der realen Welt nachweislich so nicht existieren, wie insbesondere im Shadowmoor-Block klar zu erkennen war, ficht ihn nicht an – denn er hat mit seiner Methode ja Erfolg!

Das ist ein weiteres Problem, welches dem Verständnis eines Draftformates im Weg steht: Dass man glaubt, Siege müssen bedeuten, dass man alles richtig gemacht hat! (Niederlagen hingegen müssen im Unkehrschluss nicht bedeuten, dass man einen Fehler gemacht hat – schließlich ist Magic ja ein Glücksspiel, nicht wahr?)

Tatsache ist aber, dass über Erfolg oder Misserfolg in einem Draft eine Vielzahl von Faktoren entscheiden. Der Zufall ist einer davon (und ein ziemlich wichtiger – meistens sind es dabei weniger die spektakulären Ereignisse wie totaler Screw, welche unsere Wahrnehmung verzerren, sondern die subtileren, bei denen wir gar nicht mitbekommen, wie haarscharf wir an einer Niederlage vorbei geschlittert sind). Ansonsten sind da die Fähigkeit zu draften, die Fähigkeit ein Deck zu bauen, die Fähigkeit es taktisch richtig zu spielen, die Fähigkeit es konzentriert und fehlerfrei zu spielen...

Ich denke, ich kann getrost davon ausgehen, dass Trash ein sehr guter Spieler ist. (Mit Sicherheit ein weit besserer als ich!) Ich vermute auch, dass Phips ein hervorragender Spieler ist, und von Charly WEISS ich es, weil er es mir vor langer Zeit einmal in einem Grand Prix auf eine Weise demonstriert hat, die sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Diese drei (die ich hier anführe, weil sie zur Zeit diejenigen Autoren von Limited-Artikeln sind, welche das beste Pedigree besitzen) sind allesamt deutlich erfolgreichere Spieler als ich, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass sie BESSERE Spieler sind, und zum Teil darauf, dass sie, naja, ÜBERHAUPT spielen... Aber macht sie das zu besseren DRAFTERN? (Mal abgesehen davon, dass auch ein besserer Drafter im Einzelfall in einer Diskussion Unrecht haben kann.)

Ich erinnere mich da an eine Playtest-Session beim Team Istari zu Mirrodin-Zeiten. Peer Kröger war dabei gewesen, und er hatte ein wirklich untermittelprächtiges Deck gedraftet, unter anderem mit zwei Razor Golem, aber ohne Plains. Wir spielten relativ oft, und er gewann öfter, als er verlor. War sein Deck deswegen besser?

Keineswegs! Wir tauschten dann die Decks, und er gewann noch deutlich öfter! Mein Deck war nämlich einfach besser (und ein paar Wochen später hätte auch Peer keine Razor Golem mehr ohne Plains gespielt, die er an jenem Tag noch vehement verteidigte), aber Peer spielte halt weit besser als ich. Ich bin kein doller Spieler, aber beim Draften und Deckbauen muss ich wirklich zu NIEMANDEM aufschauen, ganz egal, was mein Rating sagt (das sich übrigens seit über zehn Jahren ausgesprochen konstant im 1800er-Bereich bewegt, falls es jemanden interessiert), denn darauf bin ich spezialisiert.

Trash hat für sich eine Strategie entwickelt, welche Limited-Formate hinreichend vereinfacht, dass er damit zu Decks gelangt, mit denen er gewinnen kann. Das bedeutet NICHT, dass er die bestmöglichen Decks draftet, oder dass er alle Optionen, welche dieses Format bietet, erkundet hat (tatsächlich berichtet er ja auch immer mal wieder von eigenen Neuentdeckungen), und es bedeutet schon gar nicht, dass ein Spieler, der seine Ratschläge blind befolgt, damit vergleichbare Erfolge erzielen würde!

Phips hat beschrieben, wie das Alara-Format seiner Ansicht nach in Decktypen zerfällt, und wie diese gegeneinander abschneiden. Gleichzeitig merkt er immer wieder an, dass er mit diesem Format noch nicht wirklich arm geworden ist. Interessant ist übrigens, dass er an vielen Stellen zu ganz anderen Erkenntnissen gelangt als Trash!

Auch Charly hat seine eigene Vorstellung davon, wie Alara-Drafts funktionieren, und auch er ist noch damit beschäftigt, diese zu modifizieren. Auch seine Schlussfolgerungen unterscheiden sich gelegentlich sowohl von denen von Trash als auch von denen von Phips.

Ganz offensichtlich können sie nicht alle drei Recht haben (nich einmal dann, wenn sie ihre Standpunkte nicht gelegentlich modifizieren würden – was sie aber tun), und der gesunde Menschenverstand sollte einem sagen, dass vermutlich keiner der drei in allen Dingen Recht hat! Warum aber sollte man dann ihre Aussagen als das Magic-Evangelium anerkennen?

Diese ganze Denkweise ist falsch, wie ich zu Beginn dieses Artikels bereits gesagt habe: Man sollte eben NICHT ihre Erkenntnisse widerspruchslos akzeptieren – jedenfalls nicht, wenn man ein eigenes Verständnis für dieses Format entwickeln will! Man sollte sich eigenständig Gedanken machen und alles hinterfragen, was diese Magic-Koryphäen von sich geben. (Und ja, natürlich auch alles, was ICH von mir gebe. Aber DAS tut Ihr ja auch ohne besondere Auufforderung, nicht wahr?)

Dazu ist es aber notwendig, dass diese ihr Wissen NACHPRÜFBAR vermitteln! Ich habe bereits bei Trash darum gekämpft, dass er uns Lesern nicht einfach seine Schlussfolgerungen bezüglich eines Formates ohne seine dafür gemachten Zwischenschritte präsentiert, und zurzeit versuche ich gerade Charly davon zu überzeugen, mehr zum WARUM in seinen Draftwalkthroughs zu sagen. (Wenn man böswillig wäre, könnte man annehmen, dass sie sich deswegen damit so schwer tun, ihre Gedankengänge nachvollziehbar zu machen, weil dann klar erkenntlich würde, dass sie auch nur mit Wasser kochen!)

Ich glaube allerdings unterdessen, dass in der Magic-Szene einfach das Wissen verloren gegangen ist, wie man diese Nachprüfbarkeit herstellt! Deswegen will ich hier ein Beispiel dazu geben, wie man in nachvollziehbarer Weise von Fakten über Schlussfolgerungen zu Ergebnissen gelangen kann.

Fangen wir mit den Fakten an: Eine häufig geäußerte (und auch meistens berechtigte) Kritik ist es, dass ein Autor uns die Kartentexte vorliest. Das braucht natürlich niemand! Allerdings kann es auch vorkommen, dass ein Kommentator in dem Bedürfnis, auch einmal einen Artikel zu verreißen, hier über das Ziel hinausschießt: Wenn man Aussagen zu gewissen Aspekten einer Karte trifft, dann muss man sich auch irgendwie auf diese beziehen! Wenn Trash zum Cloudheath Drake schreibt „3/3-Flieger für fünf Mana sind immer gut, solange sie keinen Nachteil haben“, dann liest er den Kartentext nicht nur vor, sondern trifft eine (in dierem Fall sehr fundamentale) Aussage dazu. Wenn Ashraf hingegen zum Battlegrace Angel formuliert „Für 5 Mana bekommen ich einen 4/4 Flieger mit Exalted, der, wenn er alleine angreift, auch noch Lifelink bekommt.“, dann hat er ausschließlich die Karte vorgelesen und keinerlei eigenständige Aussage getroffen. Der Unterschied hier ist manchmal recht subtil. Hätte Ashraf zum Beispiel gesagt: „Alleine als 4/4 Flieger für 5 Mana ist der Engel bereits weitaus stärker als der durchaus schon beeindruckende Cloudheath Drake", dann hätte er eine Aussage getroffen.

Als ich hierüber nachgedacht habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das reine Vorlesen von Karten häufig eher auf schreiberische Unzulänglichkeiten zurückzuführen ist. Problematischer ist es, wenn einem Autor nicht klar ist, auf welchem Niveau (sprich: Für welches Publikum) er Erkenntnisse formulieren will!

„Ein 3/3er für 4 Mana ist im Limited immer spielbar.“

„Removal ist im Limited immer wichtig, selbst wenn es ein wenig teuer ist.“

„Creature Enchantments setzen einen immer dem Risko aus, Kartennachteil zu machen. Deswegen müssen sie schon besonders stark sein, um ihren Platz im Deck zu rechtfertigen.“

Stating the Obvious? Nun ja... für viele Leser schon, klar! Aber Leute: irgendwann musste JEDER diese „offensichtlichen“ Wahrheiten erst einmal verklickert bekommen! Deswegen muss man auch Artikeln gegenüber, die solche Aussagen treffen, tolerant sein – irgendjemand muss auch den Magic-Nachwuchs aufklären! Allerdings sollte ein solcher Artikel dann auch entsprechend gekennzeichnet sein und darf nicht Erkenntnisse auf unterschiedlichen Niveaus unstrukturiert durcheinanderwerfen.

Die meisten Autoren (und die meisten Leser – zumindest die meisten, die sich in Kommentaren zu Wort melden) haben da allerdings höhere Ansprüche, an deren Erfüllung sie jedoch meistens scheitern! Was sind denn nun die Erkenntnisse, die sich zwischen Stating the Obvious und der fertigen Herangehensweise an ein Format befinden? Hierfür will ich einmal ein ausführliches Beispiel geben:

Akrasan Squire
Creature – Human Soldier (Common)
Exalted (Whenever a creature you control attacks alone, that creature gets +1/+1 until end of turn.)
1/1

(Kartentext)

Er kann bereits in der zweiten Runde für zwei Punkte Schaden angreifen und so früh Druck machen. Auch später ist er noch nützlich, wenn er eine andere angreifende Kreatur verstärkt.

(Stating the Obvious)

Nur aggressive Decks können wirklich etwas mit dem Squire anfangen. Alleine als +1/+1 Enchantment für einen Angreifer und als Chump-Blocker (denn mehr tut ein 1/1er in der Defensive nicht) ist er keine Karte wert – man muss schon eine Strategie haben, die auf frühen Druck aufbaut, um ihn auszunutzen.

(Erste Einordnungen)

Da nur sehr aggressive Strategien etwas mit dem Squire anfangen können, muss man ihn nicht allzu früh picken, im Gegensatz zum Beispiel zum Knight of the Skyward Eye, den auch langsamere Decks und selbst Kontrolldecks gerne spielen, und bei dem man dementsprechend rasch zugreifen muss. Wenn man nicht ganz so offensiv eingestellt ist, sondern mit durch Exalted unterstützten Evasion-Kreaturen das Spiel gewinnen will, während man eine Defensive gegen gegnerische Angriffe aufbaut, dann ist der Squire nicht die beste Wahl – Guardians of Akrasa zum Beispiel erfüllen diesen Zweck erheblich besser.

(Weiterführende Erkenntnisse)

Ultraaggressive Strategien brauchen gute 1-Drops, und das bedeutet neben dem Squire Wild Nacatl. Hier kann man in einem Format voll klobiger Sprüche und schwierigem Mana rasch einen substanziellen Tempovorteil generieren, den man mithilfe von Pumpeffekten wie Resounding Roar und Sigil Blessing aufrechterhalten kann. Um den letzten Schaden durchzubringen, bietet sich dabei natürlich Direct Damage an. Daher ist der Squire eher eine Naya-Karte. (Man kann auch zweifarbig GW Beatdown draften, verliert dabei aber zu viel taktische Flexibilität und riskiert, sein Deck nicht voll zu bekommen.) Das typische Exalted-Deck hingegen ist in der Regel in Bant zu Hause. Ironischerweise spielt es den Akrasan Squire wegen dessen fehlender defensiver Kapazitäten weniger gerne, sondern bevorzugt Guardians of Akrasa, Court Archers und Waveskimmer Aven in Verbindung mit Deft Duelist und Kathari Screecher. (Wenn man genügend Exalted im Deck hat, wird selbst Gustrider Exuberant spielbar!) Bant besitzt weniger gutes Removal, welches auch Blocker entsorgt, als Naya. Deswegen ist Evasion und ein hoher Exalted-Count hier besonders wichtig, damit sich Oblivion Ring und Bant Charm auf die wichtigsten Bedrohungen konzentrieren können, während Resounding Silence dafür sorgt, dass die eigene Defensive steht. Pump-Spells sind in Bant weniger stark, einmal weil Exalted den eigenen Angreifern bereits das nötige Kampfgewicht verleiht, zum anderen weil eine der Schlüsselkarten dieses Decktyps, Deft Duelist, davon nicht angezielt werden kann! Das aggressive Naya-Deck hingegen verzichtet eher auf Resounding Silence zugunsten taktisch flexiblerer Karten wie Magma Spray, Resounding Thunder oder Soul's Fire. Da diese aber bei allen Draftern hoch im Kurs stehen, muss es zusehen, genügend Growth-Effekte zu bekommen, um seinen Burn möglichst zu entlasten.

(Tiefgründige Erkenntnisse)

Zurzeit sehe ich das aggressive Naya-Deck in Schwierigkeiten. Wild Nacatl wird einem von zu vielen anderen Draftern weggenommen (und Knight of the Skyward Eye sowieso), und die Beliebtheit fünffarbiger Kontrolldecks führt dazu, dass man kaum gutes rotes Removal zu sehen bekommt. Außerdem entdecken viele Drafter gerade die Stärke des Kederekt Creeper. Er und Tidehollow Strix entwerten via Deathtouch die eigenen Growtheffekte. Schließlich ist Esper derzeit noch ein wenig underdrafted, was bedeutet, dass Esper-Drafter es zu einfach haben, multiple Sanctum Gargoyle zu bekommen und hier in Rekursion zu gehen. Wenn man dann den ersten Gargoyle nicht gerade mit Oblivion Ring entsorgen kann, ist da kaum noch ein Durchkommen. Schließlich erfreuen sich Infest und Jund Charm immer größerer Beliebtheit – beides Karten, die das Spiel rasch zu unseren Ungunsten entscheiden können. Deswegen empfehle ich zurzeit, Naya doch lieber als Midrange-Deck zu draften, welches mit Rakeclaw Gargantuan, Mosstodon und Cavern Thoctar die gegnerische Defensive durchbricht. Hier hat der Akrasan Squire dann allerdings, ebenso wie in Bant, nicht wirklich einen Platz. Daher tendiere ich im Moment dazu, ihn eher zu verschmähen.

(Schlussfolgerungen bezüglich möglicher Metagames – DISCLAIMER: Im Gegensatz zu den vorigen Abschnitten spiegelt dieser hier nur teilweise meine Meinung wider und ist hauptsächlich um des Beispiels Willen verfasst!)

Da Naya nur als Midrange-Deck gedraftet werden kann, und Bant keinen Platz für eine Kreratur hat, die weder Evasion besitzt noch gut blocken kann – Finger weg vom Akrasan Squire!

(Vereinfachender Drafttipp – DISCLAIMER: Ich halte generell nichts von diesen allgemeinen Aussagen, wie Ihr nach Lektüre dieses Artikels wissen solltet, und habe hier nur etwas geschrieben, was in gewissen Analysen so stehen könnte!)

Und – was ist Eure Meinung?

Und – was ist Eure Meinung? Nun, was immer sie ist – Ihr habt hier genügend Informationen erhalten, um genau nachvollziehen zu können, bis wohin Ihr mir zustimmt, und an welcher Stelle Ihr anderer Ansicht seid und demnach zu anderen Schlüssen gelangt! Jetzt kann eine fruchtbare Diskussion entstehen.

Viel zu oft verbleiben Autoren im Bereich von Stating the Obvious, oder vielleicht noch den ersten Einordnungen. Trash hingegen tendierte zumindest früher stark dazu, gleich zum vereinfachenden Drafttipp vorzuspulen.

Die wirklich wichtigen Informationen für den lernbegierigen fortgeschrittenen Drafter finden sich aber in der Mitte! Dies ist der Bereich, in dem sich Diskussionen abspielen müssten, und erst wenn dieses Gebiet hinreichend von fachkundigen Leuten beackert worden ist, will ich etwas über Archetypen oder Matchupanalysen lesen!




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