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Architektur kritisch betrachtet
von Sebastian Knörr
09.05.2011

Da die entsprechende PTQ-Saison ansteht, wollte ich mich einmal mit einem Archetyp aus dem Standardformat kritisch auseinandersetzen. Und weil ich so etwas gerne schriftlich festhalte, teile ich meine Gedanken heute mal mit euch. Es geht um das monoblaue Deck rund um Grand Architect. Von „dem Deck der deutschen NQ-Saison“ zu „riesengroßer Haufen Sch***“ habe ich schon viele Betitelungen gehört, aber was davon trifft zu?

Diese Frage versuche ich zu klären, aber vorneweg beantworte ich erst einmal die Frage, warum ich mich ausgerechnet mit diesem Außenseiterdeck beschäftige und nicht mit Caw-Blade, RUG etc. Nun, zum einen verweise ich auf die ausgezeichnete englische Literatur, die man zu den Mainstream-Decks finden kann und der ich nichts Neues hinzuzufügen hätte, zum anderen habe ich beim NQ in Düsseldorf persönlich gute Erfahrung mit diesem Decktyp gemacht.


History

Auf deutschen National Qualifiern konnten sich bereits drei Leute mit dem Architekthaufen qualifizieren; in der Annahme, es spielten pro NQ maximal zwei bis drei Leute dieses Deck, ist das eine ganz ordentliche Quote. Hier die Decklisten im Vergleich:

Dominik Dittmar

1 Myr Battlesphere
2 Wurmcoil Engine
4 Thrummingbird
4 Grand Architect
3 Treasure Mage
1 Blue Sun's Zenith
4 Preordain
1 Contagion Engine
4 Tumble Magnet
3 Contagion Clasp
2 Ratchet Bomb
4 Everflowing Chalice
2 Mindslaver
2 Jace, the Mind Sculptor

17 Island
2 Mystifying Maze
4 Inkmoth Nexus


Sideboard:

1 Platinum Emperion
1 Steel Hellkite
4 Necropede
1 Blightsteel Colossus
2 Phyrexian Revoker
4 Flashfreeze
2 Jace Beleren

Thomas Ellwanger

1 Triskelion
1 Steel Hellkite
2 Wurmcoil Engine
2 Lighthouse Chronologist
4 Kraken Hatchling
4 Grand Architect
3 Treasure Mage
4 Preordain
3 Tumble Magnet
4 Everflowing Chalice
4 Contagion Clasp
2 Mindslaver
3 Jace, the Mind Sculptor

17 Island
3 Tectonic Edge
1 Mystifying Maze
2 Inkmoth Nexus


Sideboard:

4 Necropede
3 Spreading Seas
2 Twisted Image
4 Flashfreeze
2 Negate

Meine Liste

4 Lighthouse Chronologist
4 Grand Arcitect
4 Treasure Mage
2 Wurmcoil Engine
1 Steel Hellkite
2 Mindslaver
4 Tumble Magnet
4 Contagion Clasp
4 Preordain
4 Jace, the Mind Sculptor
3 Mana Leak

21 Island
3 Tectonic Edge


Sideboard:

2 Enclave Cryptologist
2 Volition Reins
1 Tectonic Edge
1 Contagion Engine
1 Spell Pierce
1 Mana Leak
4 Kraken Hatchling
3 Jace Beleren


Die Listen sehen zwar alle total unterschiedlich aus, was dafür spricht, dass der Weisheit letzter Schluss noch nicht gezogen wurde, aber im Kern machen sie doch alle irgendwo dasselbe. Weniger möchte ich jetzt die Unterschiede der Listen im Detail besprechen, sondern lieber allgemein Stärken und Schwächen herausarbeiten. Ich denke das Deck ist hinreichend bekannt, dass ich nicht auf die kleinen Synergien wie die Proliferate-Engine oder auf die einzelnen Cardchoices eingehe. Diese gilt es ja auch zu ergründen quasi, da das Deck sich noch in der Wachstumsphase befindet! (Nur so viel: Im Nachhinein betrachtet gefällt mir meine Liste übrigens am wenigstens von den dreien.) Ich will eher global begründen, warum man sich für oder gegen das Deck entscheiden sollte und wo Stärken und Schwächen liegen.


Was kann das Deck? Warum sollte man es spielen?


Zuallererst möchte ich anmerken, dass der vierlerorts gefallene Name Mono-U-Control ein wenig fehl am Platz ist. In Wahrheit handelt es sich nämlich gewissermaßen um ein Rampdeck und genauso spielt es sich auch. Grand Architect ist theoretisch betrachtet eigentlich die stärkste Manabeschleunigung, die den Spielern in dem Format zur Verfügung steht. Im Optimalszenario legt man einen blauen 1- und 2-Drop und im dritten Zug Grand Architect und hat direkt sechs (!) Mana zur Verfügung. Im Folgeturn mit Landdrop sogar zehn, genug für einen Mindslaver plus Aktivierung! Big-Mana-Spells sind also gefragt.


Die obigen Listen reizen dieses Thema natürlich nicht voll aus und spielen nicht haufenweise 1- und 2-Drops, nur um sie zusammen mit einem Architekten als Manabeschleunigung nutzen zu können; dies würde dem Deck mangels Konstanz eher schaden. Stattdessen wählt man mit Bedacht blaue Kreaturen, die auch auf sich allein gestellt etwas machen.

Langer Rede kurzer Sinn: Das Deck kann beschleunigen und zwar richtig gut. Aber in welche Bedrohungen?


1. Mindslaver: Mindslaver ist in diesem Format, in dem es sich mehrheitlich um verheerende Big-Mana-Karten dreht, ein äußerst ungerechter Spoiler. Mit ihm steht und fällt das Deck, denn Mindslaver ist die Universalantwort auf alles und gleichzeitig eine Wincondition. Gegen Kontrolle jeglicher Art hat ein erfolgreich gezündeter Mindslaver eine Wirkung, deren Schäden nicht mehr aufzuholen sind. Meist deht sich das Spiel komplett. Ein Extrembeispiel habe ich natürlich auch für euch:

Ich spiele gegen Caw-Blade und habe neben meinem Mindslaver, den ich mit Ach und Krach durchgebracht habe, nichts mehr zu bieten, mein Gegner unterdessen kontrolliert Gideon Jura, Jace, the Mind Sculptor, Baneslayer Angel, einen Tumble Magnet, eine Menge Länder und eine mit Sword of Feast and Famine ausgerüstete Kreatur. Ich übernehme also seinen Zug. Hier im Zeitraffer: Magnet tappt Baneslayer, Gideon zerstört Baneslayer, zweiten Gideon gespielt ⇒ beide sind vernichtet. Dann Brainstorm mit Jace und einen zweiten ausgespielt ⇒ selbes Ergebnis wie mit Gideon. Anschließend Angriff mit seiner ausgerüsteten Kreatur, damit er enttappen kann, und seine drei Tectonic Edge auf drei andere seiner Länder. Go …

Und das ist noch nicht einmal das Stärkste, was Mindslaver anzurichten vermag! Gegen Valakut ist Mindslaver in Spiel 1 die „I win“-Karte. Einmal ausgespielt braucht es lediglich ein geschicktes Timing, wann man ihn zündet. Da im Standard kein Scapeshift erlaubt ist, sieht man den Kill immer bereits einen Zug vorher kommen und genau dann zündet man einfach den Mindslaver und tötet den Gegner selbst.

Fazit: Ohne Mindslaver gäbe es kein Architectdeck.


2. Wurmcoil Engine: Der andere teure Artefaktspruch der Wahl ist nicht nur gegen Aggro der Horror, nein der gute Wurm tötet im Kampf auch alle Titanen bis auf den blauen und überlebt als 7/7er sogar den Kampf mit Weiß und Grün. Somit ist er gegen alle Decks gefährlich. Thrun, the Last Troll oder Gaea's Revenge sehen auch eher erbärmlich aus gegen unseren Lieblingsschläger.

Zusammengefasst hat das Deck also Ramp in Form von Grand Architect und Everflowing Chalice, eine gewisse Threatsicherheit durch Treasure Mage und sowohl Zugriff auf Jace, the Mind Sculptor als auch durch die konstante Manabasis auf Tectonic Edge. Mit Preordain ist man in der Lage, bestimmte Karten noch leichter zu finden, und man kann auf Countermagie im Maindeck und Sideboard zurückgreifen.

Insofern hat das Deck nicht nur die Möglichkeit, von Ramp in Kontrolle und umgekehrt zu switchen und dadurch Flexibilität zu erhalten, sondern als netten Nebeneffekt auch die Chance auf Jace in Zug 3, was ebenfalls viele Spiele entscheiden kann.


Geheimtipp


Eine richtig gute Figur hat auf dem NQ übrigens Lighthouse Chronologist gemacht. Sein Body ist mit 1/3 ganz gut proportioniert und gegen Kreaturendecks sehr wertvoll. Vor allem hält er den nervigen Goblin Guide auf. Gegen andere Decks greift er Planeswalker an (zugegebenermaßen ziemlich erbärmlich, aber manchmal zwingend notwendig) und im späteren Spiel ist er immer auf sich allein gestellt schon ein Threat, denn aufgelevelt bekommt man den Mann im mono-blauen Deck doch ziemlich schnell.


Countermagie oder nicht?


Ich würde diese Frage tendenziell eher mit ja beantworte. Etliche Decks im Format versuchen, möglichst schnell dicke Tiere zu legen, sodass ein Mana Leak meistens Tempovorteil generiert und qualitativ hochwertig abtauscht. In Kontrollmatchups dagegen geht es meist darum, bestimmte Karten zu resolven, und auch dafür ist Mana Leak sehr stark. Wie soll man sonst einen Jace oder einen Mindslaver erfolgreich beschwören? Trotz eventueller Offensichtlichkeit, die sich aus dem Zusammenspiel mit Lighthouse Chronologist ergeben kann, würde ich mich im Moment nicht trauen, auf die blaue Allzweckwaffe komplett zu verzichten.


Die Schwächen

Meiner Erfahrung nach hat das Deck vier Schwachstellen:

Koth of the Hammer
Jace, the Mind Sculptor
Countermagie
Boros

Ich beginne mit der schlimmsten aller Schwächen. Koth of the Hammer bedeutet nahezu immer das Aus, wenn man ihn nicht neutralisieren oder wenigstens angreifen kann. Ersteres gestaltet sich nicht so leicht, Letzteres ist nahezu unmöglich. Man bedenke, in welchen Decks so ein Koth of the Hammer auftaucht. Mit dem 4/4-Gebirge kommt man noch vergleichsweise gut zurecht, aber sein Ultimate ist meistens der Genickbruch.

Jace, the Mind Sculptor ist ebenfalls ein Riesenproblem, da dieses Deck einfach nicht vernünftig angreifen kann. Vor allem weil Manlands Mangelware sind. Immerhin kann man den gegnerischen Jace auch mit seinem eigenen beantworten, aber das ist meistens der Anfang vom Ende. Durch vorausschauendes Spiel (zum Beispiel durch Erschaffung einer gewissen Boardpräsenz oder geschicktem Einsatz von Mana Leak) lässt sich das Jace-Problem aber eigentlich lösen. Jace Beleren aus dem Sideboard klärt auch oft.

Countermagie: Mit dem Ramp-Ansatz kann man schon das ein oder andere Mal gezwungen sein, gute Threats in offenes Mana beim Gegner zu spielen. Oft empfiehlt es sich, gegen Decks mit Countern ein langes Spiel anzustreben und nach dem Boarden Ramp gegen Counterspells auszutauschen, um ein klassisches Kontrollmirror zu starten. (Ja selbst Grand Architect kann in geringer Stückzahl ausgeboardet werden.)

Boros ist nach meinen Ergebnissen ein schlechtes Matchup, egal wie man es dreht und wendet. Mal wird man überannt, ein anderes Mal hat man keine Antwort auf Sword of Body and Mind und die restlichen Spiele gewinnt Koth of the Hammer.

Nachdem ich die meines Erachtens wichtigsten Stärken und Schwächen präsentiert habe, gebe ich jetzt eine Referenzliste, wie ich sie im (noch) aktellen Standardformat spielen würde:


3 Lighthouse Chronologist
4 Grand Architect
4 Treasure Mage
4 Everflowing Chalice
4 Tumble Magnet
3 Contagion Clasp
2 Wurmcoil Engine
2 Mindslaver
4 Jace, the Mind Sculptor
4 Preordain
2 Mana Leak

18 Island
1 Scalding Tarn
2 Inkmoth Nexus
3 Tectonic Edge


Sideboard:

1 Steel Hellkite
2 Mana Leak
2 Spell Pierce
3 Jace Beleren
3 Kraken Hatchling
3 Necropede
1 Tectonic Edge



Ausblick auf New Phyrexia

Das neue Set sieht sehr stark aus und wird Standard sicher deutlich beeinflussen. Zwei Karten sind mir speziell für diesen Archetyp besonders aufgefallen:


Diese unscheinbare Mauer könnte sich zum absoluten MVP für das Deck entwickeln. Obwohl schon die defensive Ausrichtung der Schwäche gegenüber Aggrodecks wie Boros bereits sehr entgegenkommt, zieht die Mauer auch sämtliches gezieltes Removal auf sich. Vor allem der Lightning Bolt auf der gegnerischen Hand, der sonst unseren Architekten gegrillt hätte, darf nun nur die Mauer bezielen und ist auf sich allein gestellt erst mal nutzlos. Auch die Tatsache, dass sie ein Artefakt ist, macht es möglich, sie im selben Zug wie den Architekten zu spielen, womit sie quasi kostenlos gewesen ist.

Dass der Spellskite aktivierte Fähigkeiten umlenkt, sollte man ebenfalls nicht verdrängen. So kann ein einsamer Spellskite nicht nur einen Cunning Sparkmage unter Kontrolle halten, sondern auch den gefährlichen Bounce-Effekt vom gegnerischen Jace, the Mind Sculptor auf sich lenken, um on board keine Angriffskraft einzubüßen. Ich würde der Karte im Moment auch einen Maindeckstartplatz einräumen. Aber das Format ist natürlich noch unbekannt.


Ein Blick zurück auf die Liste der Schwächen offenbart schnell, dass man wenige Antworten auf gegnerische Planeswalker im Allgemeinen hat. Hier haben wir jetzt eine komplett farblose Antwort. Für zwei Leben und ein paar Mana saugt man jedem Planeswalker die Lebenskraft aus und als Nachspeise gibt es noch den ein oder anderen schmackhaften Tumble Magnet. Dazu als 1-Drop ziemlich günstig und flexibel. Eventuell in Kombination mit Trinket Mage? An einer guten Toolbox mangelt es ja nicht im aktuellen Standardformat.

Hex Parasite würde das Deck jedoch grundlegend verändern, daher wage ich jetzt noch nicht, eine Deckliste vorauszuschicken. Kommt Zeit kommt Rat.

Für Kritik, Anregungen und Feedback bin ich wie immer offen.




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