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Magic-Decks im Wandel der Zeit, Teil 3
...bis zur WM 1996
von Andreas "Zeromant" Pischner
01.10.2007

Nachdem ich das im nachgeschobenen "nullten" Teil noch vermieden hatte, muss ich jetzt doch noch eine kleine Korrektur anbringen (rein technisch zwar nur eine Ergänzung, aber manchmal werden Aussagen halt auch durch Weglassen falsch): Bei der Aufzählung der Gründe, warum es keine puristischen Kontrolldecks, die mit Millstone töten, mehr gibt, habe ich ausgerechnet den wichtigsten vergessen – vermutlich, weil mein Unterbewusstsein mir vermeldet hat, dass ich diese Selbstverständlichkeit längst gesagt haben müsste: Threat Diversification!

In der "guten alten Zeit" konnte U/W eigentlich alles countern, und so ziemlich jedem Threat ließ sich elegant mit Wrath of God, Disenchant und Swords to Plowshares beikommen (ja, das ist vermutlich die beste Übersetzung von "to handle something" – man muss halt vom Akkusativ auf den Dativ umschalten!).

Uncounterbare Sprüche waren ein völlig unbekanntes Konzept. Kreaturen mit Shroud etc... erreichten frisch mit Homelands gerade einmal das Niveau von Autumn Willow. Manlands gab es nur Mishra's Factory, und da diese anfällig sowohl für StP, als auch für Disenchant und vor allem die noch nicht restrictete Strip Mine war, hielt sich auch diese Gefahr in Grenzen. Wiederkehrende Kreaturen oder sonstige Threats? Naja, es gab Ashen Ghoul oder Nether Shadow, aber ohne eine Kombo-Engine, welche diese Viecher zuverlässig immer wieder zurückbrachte, waren sie eher harmlos (mal abgesehen davon, dass sie einfach geschwertert werden konnten). Außerdem gab es einfach noch keine spielbaren "echten" Kombo-Decks wie heute Storm oder Dredge, denen mit "konventionellen" Antworten nicht beizukommen war.

Wer damals Kontrolle spielte, sah sich einer recht übersichtlichen Vielfalt von Gefahren gegenüber und konnte tatsächlich (mit Hilfe von Card Draw) erwarten, zuverlässig Antworten auf alles zu finden. Daher gab es keine wirkliche Notwendigkeit, in den Kontrollaggro-Modus umzuschalten, der einem das Spiel gewann, bevor es dem Gegner gelang, einen Threat aufzubieten, mit dem man nicht mehr klarkam. Das ist heute anders: Es hat einen Grund, dass Lightning Angel im aktuellen Standard wohl noch vor Tarmogoyf, Dark Confidant, Vesuvan Shapeshifter, Loxodon Hierarch und Greater Gargadon die meistgespielte Kreatur ist! Das Metagame ist zu vielfältig, als dass man sich auf alles einstellen könnte. Deswegen ergeift man auch als Kontrolldeck früh selbst die Initiative und macht den Sack zu.

Nun legen wir aber wieder den Vorwärtsgang unserer Zeitmaschine ein! Im zweiten Teil haben wir die Top 8 Decks der ersten Pro Tour besprochen. Für diesmal habe ich mir vorgenommen, zumindest das Jahr 1996 zu komplettieren. (Halt, Korrektur: Die erste Pro-Tour-Saison – also bis zur WM 1996 – muss reichen, mehr ist utopisch!) Da meine Betrachtung der frühesten Duelist-Ausgaben auf größtes Interesse gestoßen zu sein scheint, werde ich auch diesmal über einige Highlights dieses Magazins berichten:


Duelist #11:


Er ist mit "July 1996" etikettiert, und im Blickpunkt steht Alliances. Auf den ersten Seiten erfährt man, dass die DCI (wo diese Abkürzung auf einmal herstammt, bleibt im Dunkeln) ihren ersten Spieler wegen Betruges disqualifiziert hat (er hat zusätzliche Karten gezogen) und einem anderen Spieler die Erlaubnis entzogen hat, an der zweiten Pro Tour teilzunehmen, da er sich seinen Sieg erkauft hatte. Recht und Gesetz beginnen also, Einzug zu halten!

Außerdem steht ab dem 1. Juni Land Tax auf den Restricted-Listen. Des Weiteren wird über Kinderkrankheiten des neuen Ratingsystems berichtet (wie zum Beispiel, dass ein Spieler einen anderen besiegt und dabei Punkte verliert)! Die Alliances-Werbung im Heft hebt darauf ab, wie unglaublich stark die Karten dieses Sets doch seien (was nach Homelands wohl wichtig war!) – eine Ansicht, die man aus heutiger Sicht auch nachvollziehen kann. Allerdings ist die gefeaturete Karte Ritual of the Machine...

Stephen D'Angelo und (ich vermute mal) seine Frau Julie hingegen liegen mit ihren favorisierten Alliances-Karten zumindest teilweise richtig: Feast or Famine, Lake of the Dead, Sol Grail, Force of Will, Sworn Defender und Gorilla Shaman. Im Internet werden die "D'Angelo-Files", eine inoffizielle Sammlung offizieller Rulings, die D'Angelo monatlich updatet, auf Jahre hinaus die beste (weil effektiv einzige) Quelle zum Nachschlagen von Rulings zu individuellen Karten sein.

Chris Page schreibt immer noch für den Duelist. In seinem Artikel zur Sylvan Library regt er an, Decks mit mehr als 60 Karten zu bauen, damit man mehr One-Ofs spielen kann und einem die Threats nicht ausgehen (oder so ähnlich)...

Beth Moursund schreibt in ihrer Kolumne "Deck Deconstruction" – die schon im vorigen Duelisten mit einem Artikel über "Permission-Decks" begonnen hatte, ohne allerdings als kontinuierliches Feature ins Auge zu stechen – über "Millstone-Decks", so als wenn diese nicht bereits letzte Ausgabe zum Thema gehört hätten! Man erfährt so ganz nebenbei, dass seit dem 1. April Feldon's Cane und Recall in Typ 2 nicht mehr restrictet sind, was angeblich für Millstone-Decks ein großes Problem darstellt. Bei allen Schwächen dieser Reihe, die sich über ca. 20 Teile hinziehen wird: Beth trägt hier erheblich zur Entstehung von Archetypen bei, indem sie gleichartige Decks kategorisiert und natürlich zu deren Nachbauen anregt, und die Sammlung ihrer Kolumnenbeiträge (plus Hunderte Decklisten!), welche als "Deck Deconstruction Companion" nach dem Ende des Tempest-Blocks in Buchform erscheinen wird, ist mir bei dieser Artikelreihe hier trotz ihrer chaotischen (und oft schlicht falschen) Zuordnungen ein ständiger Begleiter und eine große Hilfe!

Am interessantesten ist wohl der Beitrag von Robert Hahn zum Thema Necropotence. Seine Kernaussage lautet: "While a Necrodeck can and does win quite often without Necropotence, it cannot win with any degree of consistency without Nevinyrral's Disk." Heute wissen wir, dass Necro noch viel, viel mehr kann, aber für die damaligen Kontrollaggro-Varianten besitzt dieser Satz eine gewisse Berechtigung. (Letztlich biss sich hier die Katze in den Schwanz: Damalige Necro-Decks waren um Nevinyrral's Disk herum gebaut und deswegen natürlich auch auf diese Karte angewiesen!) Was seinen Artikel aber so lesenswert macht, ist Hahns analytische Herangehensweise und seine Verwendung von Begriffen wie "Threat", "Disruption", "Threat Neutralization", "Parity Situation" und natürlich "Card Advantage". Wer meine Magic University gelesen hat, weiß dass ich seine Konzepte teilweise grundlegend überarbeitet habe, aber die Ursprünge meiner Definitionen kann man hier trotzdem noch ganz gut erkennen, denke ich!

Auch ein Artikel von Mark Chalice, "Making the Stretch", ist faszinierend zu lesen, denn er schreibt hier über "the competitive tournament mindset". Seine Ratschläge muten heute völlig trivial an: Spiele ein Deck mit genügend Mana und nur mit den effizientesten Karten, teste und tune Dein Deck, nutze alle regelkonformen Möglichkeiten, Dir einen Vorteil zu verschaffen, lasse den Gegner keine Fehler zurücknehmen und gib ihm keine Tipps, gib niemals auf und nutze auch die allerkleinste Gewinnchance, gib Deinem Gegner keine unnötigen Informationen und sei vorbereitet auf seinen Game Plan. Zitierwürdig ist aber besonders dieser Ausschnitt einer Anekdote von den 1995 Southwest Regionals, die Chalice erzählt: "Scouting was allowed then, and sideboarding before the first game was considered okay."

Es gibt eine "Deck Clinic", in der Charlie Catino (ein Magic-Designer) und Henry Stern sich eines hundsmiserablen weiß-roten Decks mit 15 COPs im Sideboard annehmen. Nur dadurch, dass Stern beschließt, dieses Deck legal für Typ 1.5 zu machen, erfahre ich, dass es dieses Format also unterdessen gibt! Seine Variante ist allerdings eines Spitzenspielers komplett unwürdig (Kjeldoran Skynight? Pikemen? 19 Kreaturen mit 4 Crusade, 1 Jihad, 3 Blood Lust? Jokulhaups im Splash?), bleibt aber im Gegensatz zu Catinos Typ-2-Version (mit Zelyon Sword, Shield Wall und Orcish Oriflamme) zumindest bei 60 Karten. Auf jeden Fall beweist dieser Duelist aber, dass Decklisten endgültig selbstverständliche Acessoires von Strategie-Artikeln geworden sind!

Aus "Murk Dwellers" will ich nur den Nachsatz der Redaktion zitieren: "Tom Wylie IS the rules." Ja, so war das leider damals auch! Richard Garfield schreibt in seiner Kolumne über "Innovators vs. Honers", zwei unterschiedliche Spielertypen: Die einen besitzen ihre Stärken darin, unbekanntes Territorium zu erforschen und neue Ideen zu entwickeln, die anderen darin, in einem größtenteils bekannten Umfeld Strategien zu perfektionieren und Gewinnchancen zu maximieren. Ich gehe davon aus, dass sich Mark Rosewater bei seiner Klassifikation von Spielertypen hier Anregungen geholt hat (Innovators dürften große Überschneidungen mit Johnnies haben, und Honers mit Spikes). Schön finde ich aber das Zitat von Shawn "Hammer" Regnier (einem der frühen Pro Tour Regulars): "I do play fun decks – a fun deck is a deck that wins!" Der Graben zwischen Casual Players und Tournament Players erweitert sich...

Oh, und in der Alliances-Kartenliste werden zum ersten Mal Buchstaben als Abkürzungen für die Magic-Farben benutzt. Blau ist "B" und Schwarz "K" (von "black")! Das sollte illustrieren, dass es damals offensichtlich noch keine allgemeingültige Notation gab, mit der man sich zum Beispiel über Manakosten von Karten unterhielt, was auch wieder Rückschlüsse darauf zulässt, wie viel strategisches Wissen im Netz tatsächlich zu finden war.


Duelist #12:


Es ist (laut Heft) September 1996. Im Vorwort werden die Sprachen aufgezählt, in die Magic bislang übersetzt wurde: Spanisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Japanisch, Koreanisch und bald Chinesisch. Mark Rosewater beginnt damit zu tun, was er am liebsten tut: Teaser für Karten in zukünftigen Sets zu verfassen ("A 12/12 artifact trampler with a casting cost of 1"; "A 0-casting-cost artifact that provides three mana of any one color"; "A red sorcery that provides an extra turn" und "A green creature that can come into play as a 7/7 with no upkeep for only four mana" – na, alle erkannt?), sowie zu beschreiben, wie und warum Karten im Playtest-Prozess welche Veränderungen durchlaufen haben – ab Alliances gab es ja immerhin schon so etwas wie einen systematischen Playtest-Prozess! Lake of the Dead besaß also ursprünglich den Text "(1): Sacrifice a swamp to add BBB to your mana pool"... nö, kein Tappen nötig... Außerdem kündigt Mark die ersten Duelist Invitationals an.

In der Kolumne "House Rules" werden zum ersten Mal Draft-Regeln vorgestellt (ja, die erste Limited Pro Tour war durchweg Sealed Deck gewesen!) "Booster Draft" besitzt im Wesentlichen schon die heutige Form. Unter "Rochester Draft" hingegen versteht der Autor eine Zwei-Personen-Variante, bei der jeweils vier aufgedeckte Karten abwechselnd nach dem Schema 1-2-1 verdraftet werden. Der beste Tip in der Sidebar ist wohl: "Learn the discipline of playing with forty cards. Don't play with more cards than necessary."

Ein weiterer Beitrag spricht mir mit seiner Einstiegsfrage aus der Seele: "Ever wonder what happens to the deck-record sheets that players are required to fill out at major tournaments?" Im Duelist landen diese ja immer noch nicht (es gibt aber seit der ersten Pro Tour das sogenannte "Sideboard", ein dünnes, gratis an Spieler und Läden verteiltes Heftchen, in dem sich tatsächlich jede Menge Decklisten, aber zum Beispiel auch Rating-Listen von Spielern befinden. Leider habe ich hiervon keine zur Verfügung.) Die Frage wird mit einigen Tobi-artigen Statistiken für die Top 32 Decks
zweier Regional Championships (ohne Sideboard!) beantwortet. Einige interessante Auszüge:

  • Ratio of decks using Zuran Orb to decks not using Zuran Orb: 13:1
  • Percentage of semifinalist decks using neither Strip Mine nor Mishra's Factory: 0%
  • Percentage of players using Necrodecks at Great Lakes Regionals: 38%
  • Percentage of players using Necrodecks at Northwest Regionals: 23%
  • Percentage of semifinalists using Necrodecks: 50%
  • Percentage of finalists using Necrodecks: 50%
  • Percentage of champions using Necrodecks: 50%

  • Noch Fragen zum Begriff "Black Summer"?

    In den Tournament News finden sich folgende höchst interessante Passus:
    "A new optional rule was announced (effective July 1, 1996), permitting tournament Judges to require that all cards from the basic set be interpreted according to Fourth Edition wording."
    "Both Booster Draft and Type 1.5 tournament formats are now approved, sanctioned tournament types."


    Höchst aufschlussreich auch der Artikel "Why Restrict", in dem erläutert wird, warum Karten auf die Restricted-Liste gelangen – und in dem auch gesagt wird, warum Hymn to Tourach (diejenige Karte im Necrodeck, nach deren Restriktion die Spielerschaft damals am lautesten schrie) noch nicht dort stand: ""Necrodecks" have not been dominant long enough for the system to clearly demonstrate the source of the problem, or for the possibilities of rival strategies to be exhausted. For example, it is still unclear whether "necrodecks" win so often because they are inherently superior or because of the sheer number of players, especially top-ranked players, who currently use them."

    Ein Artikel der drei damaligen Topspieler Mark Chalice, Mario Robaina und Adam Maysonet markiert einen Umbruch, weil er sich mit dem Sideboard befasst – ein klares Zeichen dafür, dass der Duelist sich stärker um Turnierspieler kümmert. Ihre konkreten Tipps lesen sich manchmal merkwürdig (so will man gegen Necro-Decks aus eigentlich offensichtlichen Gründen wohl immer Karma haben und nie COP: Black), aber grundlegende Aspekte des Sideboardens werden bereits angesprochen: Nicht zu viele Karten sideboarden, so dass der Gewinnplan des eigenen Decks beeinträchtigt würde; darüber nachdenken, ob ein Switch-Sideboard den Verlust an Flexibilität wert ist; das Metagame beachten (das ist das erste Mal, dass mir dieser Begriff auffällt, auch wenn er hier noch in Anführungszeichen steht!)... Mein Lieblingszitat ist übrigens: "To construct a sideboard, you must thoroughly understand how your deck wins." Deswegen teste ich, im Gegensatz zu dem, was viele Spieler empfehlen, den größten Teil der Zeit ohne Sideboard: Erst wenn ich die Dynamik eines Matchups verstehe, hat es Sinn, sein Sideboard zu entwerfen! Die drei Spieler geben Sideboardpläne für ein Erhniegeddon gegen Erhnam-Burn'em, Necro und UW Millstone an, womit sie bezeugen, dass die Existenz von Archetypen unterdessen fest im Bewusstsein von Turnierspielern verankert ist.


    Duelist #13:


    Der Duelist erscheint jetzt monatlich; auf dem Cover steht "October 1996", das Hauptthema ist Mirage. Die Menge der besonders erwähnenswerten Dinge pro Heft nimmt langsam ab; die Grundlagen für das Turnierspiel Magic beginnen sich zu festigen.

    In einer DCI-Ankündigung wird darauf hingewiesen, dass ab der 1997/1998 Turniersaison (also ab August 1997) sanktionierte Turniere nur unter Aufsicht zertifizierter Judges stattfinden dürfen. Wer hätte gedacht, dass diese Regelung zehn Jahre später nicht mehr in Kraft sein würde (Stichwort "Level-0-Judge")?

    Tom Wylie stellt die Fifth Edition-Rules vor: Es gibt jetzt die Begriffe "Combat Damage", "Generic Mana", "Landhome", "Legendary" sowie "Local..." und "Global Enchantments". Die Play/Draw-Rule wird fester Bestandteil der Magic-Regeln. Der End of Turn wird in einer typisch Wylieschen Weise umstrukturiert, die ich hier gar nicht wiederzugeben versuchen will, so absurd ist sie, aber erwähnenswert ist, dass der Begriff "Cleanup" zum ersten Mal auftaucht. Der Kartentyp "Mana Source" wird in sein kurzes Leben geboren. Alle Kosten von Fähigkeiten werden jetzt vor den Doppelpunkt geschrieben. Die Interrupt-Regeln... nein, das lassen wir mal lieber weg, wie die sich ändern, dieser Kartentyp wird ja ebenfalls bald abgeschafft! Damage Prevention Steps (fragt lieber nicht) kennen jetzt den Begriff von "Damage Packets" (wirklich, das wollt Ihr gar nicht wissen!) Noch zwei kurze Zitate: "Bury effects are now completely unpreventable; they do not just prohibit Regeneration." "Players may now count anyone's library at any time."

    Ein Artikel von Robert Hahn ist sehr aufschlussreich, weniger weil Hahn Scars of the Veteran für stärker hält als Bounty of the Hunt, sondern vielmehr weil er "Changes to Existing Strategies" aufführt, also effektiv die wichtigsten Archetypen der damaligen Zeit aufzählt: Necropotence, White Weenie, Green/White Armageddon, Red/Green Erhnam 'n Burn'em, Blue/White Permission. In dieser Liste fehlen offensichtlich Turbostasis und Baxter-Prison, die vermutlich nach Abgabeschluss für diesen Artikel aufkamen (obwohl Hahn Turbostasis als Neuentwicklung zumindest erwähnt). Sligh hingegen ist für die Entwicklung der Magic-Strategie im Nachhinein wohl wichtiger, als es für die Turnierlandschaft damals war.


    Duelist #14:


    Obwohl auf diesem Heft "December 1996" steht, wird erst jetzt von der WM berichtet, die im August stattgefunden hat – soviel zur Aktualität von Printmedien bei Magic!

    MaRo verkündet die Namen der sechzehn Spieler, die an den ersten Invitationals teilnehmen (sie wurden auf den Worlds von den Spielern gewählt): Thomas Andersson, George Baxter, Alexander Blumke, Mark Chalice, Tom Chanpheng, Amiel Feldman, Scott Johns, Mark Justice, Bertrand Lestree, Leon Lindback, Matt Place, Olle Rade, Andrea Redi, Shawn "Hammer" Regnier, Eric Tam, Brian Weissman.
    Typ 2 heißt jetzt
    „Standard“ und
    Typ 1 nennt sich
    „Classic”...

    Zum 1. Oktober 1996 werden folgende Karten restrictet: Strip Mine in Standard (der neue Name für Typ 2), Hymn to Tourach in Standard (mit einer langen Entschuldigung, dass es jetzt erst passiert ist) und Fastbond (die Karte, die als "weak/narrow" aus dem Grundset rotiert wurde!) in Classic (so heißt Typ 1 jetzt).

    Olle Rade wird erster "Player of the Year". Tom Wylie spricht in "Murk Dwellers" über einige Infractions, die Spieler begehen können, und welche Penalties diese dafür erwarten müssen. Seine Aufzählung ist unvollständig, unübersichtlich und vage und umfasst lediglich "Misregistering the deck", "Failure to pay upkeep", "Forgetting to retrieve cards" und "Withdrawing without checking in".

    Brian Weissman schreibt einen Beitrag "Taking Card Advantage". Er benutzt dort Begriffe wie "single-card-effect cards", "multicard-effect cards", "permanent multicard-effects cards" und "rule-bending cards" und sagt Folgendes: "You can gain card advantage through card drawing, card destruction, or card nullification." Wiederum mag es interessant sein, diese Begriffe mit den Definitionen in meiner Magic University zu vergleichen!



    Was kann man nun über das damalige Metagame und die darin vorhandenen Archetypen sagen? Die beiden auf New York folgenden Pro Touren sind für unsere Zwecke uninteressant: Los Angeles, von "Hammer" Regnier gewonnen, war Sealed Deck und Columbus, von Olle Rade mit Karten wie Giant Trap Door Spider und Woolly Spider gewonnen, Ice Age-Constructed (mit Alliances, aber ohne Homelands, welches diesem Block erst später – und nur vorübergehend – zugeschlagen wurde). Deswegen sind die US Regionals, die im Duelist gelegentlich erwähnt wurden, sowie die US Nationals und natürlich Worlds diejenigen Turniere, auf die ich meine Analyse stützen werde.

    Offensichtlich war Necro damals "Tier 0", DAS formatdefinierende Deck. Vise Age, wie es Henry Stern bei der WM 1995 gespielt hat (hier ein Link) hatte auf 4 Howling Mine, 4 Black Vise und 4 Strip Mine beruht und war bereits seit der Restriktion der Black ViseAnfang des Jahres nicht mehr existent. Erhniegeddon entwickelte sich immer mehr hin zum dedizierten Anti-Necrodeck. Olle Rade belegte mit folgender Liste den dritten Platz bei der WM 1996:


    2 Llanowar Elves
    2 Fyndhorn Elves
    2 Spectral Bears
    4 Whirling Dervish
    4 Elvish Archers
    4 Erhnam Djinn
    4 Savannah Lions

    7 Forest
    2 Plains
    4 Brushland
    4 City of Brass
    4 Strip Mine

    1 Zuran Orb
    1 Balance
    1 Land Tax
    2 Armageddon
    4 Swords to Plowshares
    4 Disenchant
    1 Divine Offering
    4 Giant Growth

    (Das Sideboard ist leider wieder verschollen, enthielt aber garantiert einige Lifeforce. Ob Rade wirklich 61 Karten gespielt hat oder das nur ein Übertragungsfehler ist, lässt sich heute wohl auch nicht mehr feststellen.)

    Man beachte die Unterschiede zu den Erhniegeddon-Versionen aus New York: Die Dissynergie mit Wrath of God ist verschwunden, stattdessen werden mehr Kreaturen und Giant Growths gespielt, welche das Deck sehr aggressiv machen (und natürlich keine 6-Mana 4/4er mehr!). Offensichtlich war das Ziel, den vorherrschenden Necrodecks möglichst schnell möglichst viel Schaden zu machen. Die Kreaturenauswahl zeigt das deutlich (Dervish, Bears)! 4 Disenchant und ein Offering erscheinen als Overkill in einem aggressiven Deck, aber damals MUSSTE ein Weenie-Deck eine Nevinyyral's Disk (bzw. nach Sideboarden zusätzlich Dystopia) beantworten können! Die Erhnams liegen in diesem Deck eigentlich über der Kurve, aber abgesehen davon, dass es den Spielern damals vermutlich schwer gefallen wäre, die namensgebende Kreatur dieses Decks zu cutten, waren sie eine gewisse Hilfe gegen rote Decks, die einem das Board ansonsten mühelos zusammenschießen konnten.

    Zum Thema rote Decks: Erhnam-Burn'em war zwar in aller Munde, gewann aber irgendwie nichts und auch Sligh setzte sich nicht wirklich durch. Ohne den massiven Hate, den weiße Decks gegen Necro aufbieten konnten, und ohne 4 Black Vise konnte Aggro einfach nicht dagegenhalten. (Besonders Contagion dürfte Sligh sehr zu schaffen gemacht haben.) Stattdessen entdeckten Necro-Spieler selbst die roten Sprüche! Mit folgender Liste gewann Dennis Bentley 1996 die US Nationals:


    4 Black Knight
    4 Hypnotic Specter
    2 Knight of Stromgald
    2 Order of the Ebon Hand

    4 Dark Ritual
    1 Dystopia
    1 Fireball
    4 Hymn to Tourach
    4 Icequake
    4 Lightning Bolt
    3 Necropotence
    1 Black Vise
    1 Ivory Tower
    1 Zuran Orb

    2 City of Brass
    4 Strip Mine
    4 Sulfurous Springs
    14 Swamp

    1 Contagion
    2 Dance of the Dead
    2 Dark Banishing
    3 Dystopia
    1 Infernal Darkness
    1 Jester's Cap
    2 Serrated Arrows
    1 Shatter
    2 Stromgald Cabal

    Was war jetzt so toll daran, Rot in Necrodecks zu spielen, wenn man dafür City of Brass und Sulfurous Springs ins Deck nehmen musste, die einen unter Necropotence Karten kosteten?

    Die Antwort lautet: Nichts! Es lohnt sich nicht. Bentleys Deck ist kein echtes Necrodeck (wie man auch am Verzicht auf die Disk sieht), es ist ein aggressives schwarz-rotes Aggrokontroll-Deck (man beachte Hymnen und Icequake zusätzlich zu Hippies und Strip Mines), das mit Necro lediglich ein paar Extrakarten zieht, um den Druck aufrecht zu erhalten. Ein Vergleich mit Satanic Sligh im (noch) aktuellen Standard bietet sich an! Der Erfolg des Decks lässt sich wohl am ehesten durch das extrem Necro-feindliche Meta bei jenen US Nationals erklären. Im Finale gewann Bentley gegen George Baxter, der das nach ihm benannte Baxter-Prison spielte, eine Variante mit Titania's Song. Die Deckliste dazu konnte ich leider nicht auftreiben, aber immerhin wird im Duelist irgendwo erwähnt, dass Bentley im Finale nicht ein einziges Mal eine Necropotence spielte – sehr aufschlussreich!

    Noch aufschlussreicher hingegen sind die beiden Decks, die im Halbfinale ausschieden, pilotiert von Matt Place und Mike Long: Turbostasis! bei den US Nationals trat dieses Deck vier Mal an und landete drei Mal in den Top 32. Hier die Variante von Matt Place:


    4 Arcane Denial
    4 Boomerang
    4 Force of Will
    2 Kismet
    1 Land Tax
    4 Lim-Dul's Vault
    2 Recall
    4 Stasis
    3 Despotic Scepter
    1 Feldon's Cane
    4 Howling Mine
    1 Ivory Tower
    1 Zuran Orb

    4 Adarkar Wastes
    4 City of Brass
    13 Island
    4 Underground River

    1 Black Vise
    2 Blue Elemental Blast
    2 Disenchant
    2 Hydroblast
    1 Kismet
    1 Lodestone Bauble
    3 Mana Short
    1 Swords to Plowshares
    2 Wall of Air

    Wir haben es hier mit dem perfekten Vertreter proaktiver Kontrolle zu tun: Ein Deck, welches den Gegner mit Hilfe von Ressource Denial daran hindert IRGENDETWAS zu tun und deswegen auch in aller Ruhe IRGENDWIE gewinnen kann. Falls Ihr die Win Condition sucht: Es ist der Feldon's Cane! Selbst der wird nicht unbedingt benötigt, da Howling Mine und Arcane Denial dazu beitragen, dass der Gegner zuerst den Decktod stirbt. So puristisch wird diese Strategie später nie wieder umgesetzt werden.

    Man kann sich vorstellen, wie Prison und Stasis sich damals in einem Feld voller manahungriger Necrodecks durchgesetzt haben. Dann versteht man vielleicht auch, warum das Nicht-Necro-Deck von Bentley den Titel errungen hat: Schnelle billige Offensive unterstützt von Disruption und Burn war natürlich Gift für diese Kontrolldecks!

    Bei der Weltmeisterschaft sah es da schon wieder anders aus. Sowohl das Matchup gegen Stasis als auch das gegen Prison wurde von den Spielern besser verstanden, und gerade weißbasierende Decks drängten deren Einfluss zurück. Necro wurde wieder spielbar. Rades Deck habt Ihr schon gesehen, hier die restlichen Top 4 Decks der WM 1996:

    Henry Stern, Semifinalist


    4 Hypnotic Specter
    4 Knight of Stromgald
    1 Sengir Vampire
    1 Yotian Soldier

    2 Contagion
    4 Dark Ritual
    3 Drain Life
    4 Hymn to Tourach
    3 Necropotence
    4 Nevinyrral's Disk
    1 Ivory Tower
    2 Serrated Arrows
    1 Zuran Orb

    4 Mishra's Factory
    18 Snow-Covered Swamp
    4 Strip Mine

    2 Contagion
    1 Dark Banishing
    1 Demonic Consultation
    4 Dystopia
    3 Infernal Darkness
    1 Terror
    2 Withering Wisps
    1 Yotian Soldier

    (Die Deckliste ist aus verschiedenen unvollständigen Quellen zusammengebastelt und daher nicht völlig zuverlässig. Die Yotian Soldier sollten übrigens, außer als Gewinnbedingung gegen Stasis, einen Schutz vor feindlichen Pumprittern darstellen.)

    Mark Justice, Finalist


    3 Black Knight
    4 Hypnotic Specter
    2 Ihsan's Shade
    2 Order of the Ebon Hand

    3 Contagion
    4 Dark Ritual
    3 Drain Life
    1 Fireball
    4 Hymn to Tourach
    4 Necropotence
    1 Ivory Tower
    3 Nevinyrral's Disk
    2 Serrated Arrows
    1 Zuran Orb

    1 City of Brass
    1 Lava Tubes
    3 Mishra's Factory
    4 Strip Mine
    4 Sulfurous Springs
    10 Swamp

    1 Contagion
    2 Demonic Consultation
    4 Dystopia
    2 Infernal Darkness
    2 Pyroblast
    1 Red Elemental Blast
    3 Shatter

    Ganz offensichtlich ist der Rot-Splash bei Justice beinahe ausschließlich für das Sideboard gedacht und dort zuvörderst für Waffen gegen Turbostasis. (Außerdem halfen weniger Sümpfe gegen Karma.)

    Tom Chanpheng, Weltmeister


    4 Order of Leitbur
    4 Order of the White Shield
    2 Phyrexian War Beast
    4 Savannah Lions
    2 Serra Angel
    4 White Knight

    1 Armageddon
    1 Balance
    4 Disenchant
    1 Land Tax
    1 Reinforcements
    1 Reprisal
    1 Sleight of Mind
    4 Swords to Plowshares
    1 Lodestone Bauble
    1 Zuran Orb

    1 Kjeldoran Outpost
    4 Mishra's Factory
    15 Plains
    4 Strip Mine

    2 Arenson's Aura
    1 Black Vise
    4 Divine Offering
    1 Energy Storm
    1 Exile
    1 Kjeldoran Outpost
    1 Reprisal
    2 Serrated Arrows
    1 Sleight of Mind
    1 Spirit Link

    Ach ja, die Deckbauskills von 1996... von Chanpheng hat man danach auch nicht mehr viel gehört. Falls Ihr Euch über die Sleight of Mind wundert: Das Deck hätte eigentlich 4 Adarkar Wastes haben sollen, Tom hatte aber verpeilt, sie aufzuschreiben! Wie konnte dieses Deck mit diesem Spieler nur Weltmeister werden? (Wenn ich mich recht entsinne, hat er es sogar im Classic-Teil des Turniers pilotiert!) Tja, 12 Schutz-vor-Schwarz-Ritter in einem Necro-Meta und ein großer Kübel Glück! Ein Zitat zum entscheidenden Spiel der WM habe ich noch: "Justice drew only one swamp while Chanpheng got his deck rolling, throwing out 5 White Knights and Order of Leitburs. The game lasted all of seven turns." Fragt Ihr Euch, wieso Justice diese Hand nicht gemulligant hat? Nun, dann habt Ihr nicht aufgepasst: Er durfte nicht! Der Paris-Mulligan liegt noch ein paar Monate in der Zukunft.

    Nachdem sich die Spieler also auf Mana-Denial Decks eingestellt hatten, zerfiel das Meta wieder einmal in Necro und Anti-Necro. Chanpheng bewies, dass auch ein grottenschlechtes White Weenie (schaut Euch nur einmal die Mana Requirements an!) mit seinem Hate Necro schlagen konnte, und Olle Rade erfand eigentlich einen Decktyp den man heutzutage wohl als "Haterator" bezeichnen würde: Ein weiß-grünes Deck voller mittelmäßiger bis hin zu geradezu miesen Karten, die aber gegen die dominanten Deckstrategien stark sind: Im Prinzip benötigte Rade in diesem Meta nur Disenchant und Whirling Dervish, alles andere war Beiwerk.

    Mal ehrlich: Kann man sich diese Decklisten wirklich anschauen und ernsthaft behaupten, Magic-Theorie habe seit damals keine Fortschritte gemacht?

    Jetzt soll es aber genug sein, nächste Woche geht es weiter!

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